Jens Schüler über Vojta für Erwachsene, MaRhyThe® und die Suche nach therapeutischen Synergien

Wer „Vojta“ hört, denkt häufig zuerst an Säuglinge und Kinder. Bei Jens Schüler lohnt sich ein zweiter Blick. Der Physiotherapeut, Heilpraktiker und langjährige Vojta-Lehrtherapeut kommt ursprünglich aus der neurologischen Erwachsenentherapie – und Erwachsene bilden auch heute den Schwerpunkt seiner Praxis.

Vojta begleitet ihn seit Jahrzehnten und ist, wie er selbst sagt, der „rote Faden“ seiner therapeutischen Arbeit. Trotzdem hat er sich nie damit zufriedengegeben, innerhalb einer einzigen Methode zu denken. Ihn interessiert vielmehr, was verschiedene Therapieansätze miteinander verbindet.

Ein entscheidendes Puzzlestück wurde für ihn die Beschäftigung mit dem Faszien-System. Darüber fand er zur Matrix-Rhythmus-Therapie®.

Heute verbindet er in seiner Arbeit unterschiedliche Ebenen: Gelenkstrukturen, myofasziales Gewebe und neuromuskuläre Steuerung.

Im Interview erklärt Jens Schüler, warum er die Matrix-Rhythmus-Therapie gezielt vor der Vojta-Therapie einsetzt, weshalb der Rumpf für ihn das zentrale Bewegungsorgan ist – und warum es Fälle gibt, in denen nach der vorbereitenden Behandlung Vojta gar nicht mehr notwendig ist.

Viele Menschen verbinden Vojta vor allem mit Säuglingen und Kindern. Sie behandeln heute vorwiegend Erwachsene. Wie kam es dazu?

Jens Schüler:
Eigentlich komme ich sogar aus der neurologischen Erwachsenentherapie. Ich habe acht Jahre in der Neuro-Reha gearbeitet.

Im Rahmen meiner Ausbildung zum Vojta-Lehrtherapeuten ist allerdings die Arbeit mit Säuglingen und Kleinkindern notwendig. 2001 habe ich dann die Praxis Löffler-Schüler übernommen, die von einer Vojta-Kindertherapeutin aufgebaut worden war. Dadurch habe ich damals ungefähr die Hälfte meiner Arbeitszeit mit Säuglingen und Kleinkindern gearbeitet.

Später kam eine Therapeutin mit umfangreicher Ausbildung in unterschiedlichen Kindertherapien in die Praxis und hat diesen Bereich weitgehend übernommen. Gleichzeitig kamen durch die Praxistätigkeit immer mehr Patienten mit orthopädischen Krankheitsbildern hinzu.

Insofern habe ich eigentlich schon immer vorwiegend erwachsene Patienten behandelt.

Jens Schueler an der Behandlungsliege mit einer Patientin.

In der Vojta-Therapie arbeitet man mit Bewegungsmustern, die von Geburt an angelegt sind und grundsätzlich über die gesamte Lebensspanne aktiviert werden können.

Trotzdem ist das Bild „Vojta gleich Kindertherapie“ sehr verbreitet.

Jens Schüler:
Ja, und genau das versuche ich immer wieder ein bisschen geradezurücken.

Die Vojta-Therapie ist nicht auf Säuglinge und Kinder beschränkt. Wir arbeiten mit Bewegungsmustern, die von Geburt an angelegt sind und grundsätzlich über die gesamte Lebensspanne aktiviert werden können.

Wenn ich einen Erwachsenen behandle, geht es natürlich nicht darum, dass er anschließend über die Matte kriecht. Entscheidend sind die Teilmuster – beispielsweise für die Haltung, die posturale Kontrolle und die neuromuskuläre Aktivierung.

Vojta ist seit Jahrzehnten Ihr „roter Faden“. Warum haben Sie trotzdem nach weiteren Therapieansätzen gesucht?

Jens Schüler:
Weil ich grundsätzlich daran interessiert bin, mich weiterzuentwickeln. Jeder, der therapeutisch tätig ist, stößt irgendwann an Grenzen.

Dann kann ich sagen: Da ist meine Grenze, also gehe ich wieder zurück in meinen Komfortbereich. Oder ich versuche herauszufinden, wie ich diese Grenze verschieben kann. Das war eigentlich immer mein Weg.

Myofasziale Netzwerke und Nervenstrukturen als Ziel der Matrix-Rhythmus-Therapie.

Faszien sind ein wichtiges Puzzlestück der therapeutischen Arbeit.

Ich habe auch nie verstanden, warum sich einzelne Therapierichtungen so stark voneinander abgrenzen müssen. Mich interessieren die Schnittmengen.

Wenn ich sehe, dass unterschiedliche Therapien an ähnlichen Punkten ansetzen oder sich sinnvoll ergänzen können, wird es für mich interessant. Ich glaube, wir kämen in der Medizin sehr viel weiter, wenn wir stärker auf die Gemeinsamkeiten schauen würden als auf das, was uns trennt.

Ein wichtiges Puzzlestück waren für Sie Faszien. Wie kam es dazu?

Jens Schüler:
2009 war ich beim ersten Münchner Symposium für Haltungs- und Bewegungsforschung. Dort hörte ich unter anderem zwei Vorträge zum Thema Faszien.

Da saß ich und habe gemerkt: Das ist ein wesentliches Puzzlestück, das mir in meiner bisherigen Arbeit gefehlt hat.

In meiner ursprünglichen Ausbildung spielten die Faszien nicht die Rolle, die sie heute für mich haben. Deshalb habe ich mich anschließend intensiver mit dem Thema beschäftigt und entsprechende Fortbildungen besucht.

Beim Symposium war damals auch schon die Matrix-Rhythmus-Therapie vertreten. Über die intensive Beschäftigung mit dem Faszien-System wurde mir irgendwann klar, dass ich eine Möglichkeit brauche, diese Strukturen gezielt in meine therapeutische Arbeit einzubeziehen.

So kam die Matrix-Rhythmus-Therapie dazu.

Was hat sich dadurch in Ihrem therapeutischen Vorgehen verändert?

Jens Schüler:
Ich schaue heute auf verschiedene Ebenen.

Zunächst prüfe ich die Gelenkstrukturen: Wo gibt es Blockaden, beispielsweise an der Wirbelsäule oder an anderen Gelenken? Wenn nötig, arbeite ich hier manualtherapeutisch.

Anschließend schaue ich auf das myofasziale System. Wo sind Strukturen in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt? Wo gibt es Adhäsionen? Hier setze ich die Matrix-Rhythmus-Therapie gezielt ein.

Und dann stellt sich die Frage: Was muss neuromuskulär noch passieren?

Wenn es erforderlich ist, kommt hier die Vojta-Therapie ins Spiel.

Für mich unterstützen sich diese Ansätze gegenseitig.

Ein Bildausschnitt aus dem Online Kurs „Thoraxmobilisation mit der Matrix-Rhythmus-Therapie“.

Setzen Sie die Matrix-Rhythmus-Therapie also gezielt als Vorbereitung für Vojta ein?

Jens Schüler:
Ja, die Matrix-Rhythmus-Therapie setze ich gezielt ein, um vor der Vojta-Behandlung das Gewebe elastischer und besser mit Flüssigkeit versorgt zu bekommen und Adhäsionen zu lösen.

Ich möchte möglichst gute Voraussetzungen schaffen, bevor ich anschließend neuromuskulär arbeite.

Hat Matrix-Rhythmus-Therapie dadurch auch verändert, wann Sie Vojta überhaupt einsetzen?

Jens Schüler:
Tatsächlich habe ich festgestellt, dass bei einigen orthopädischen Patienten eine Vojta-Therapie anschließend gar nicht mehr notwendig ist – beispielsweise dann, wenn keine Störung der neuromuskulären Koordination vorliegt.

Auf der anderen Seite sehe ich auch bei den Sportlern, die ich betreue, häufig die Notwendigkeit einer Haltungskorrektur und einer Verbesserung der Koordination. Dann nutze ich die Vojta-Therapie, um genau an dieser Stelle weiterzuarbeiten und auch Rezidiven entgegenzuwirken.

Entscheidend ist also nicht: Welche Methode möchte ich anwenden? Sondern: Was braucht dieser Patient auf welcher Ebene?

Das klingt nach einem sehr individuellen Stufenmodell.

Jens Schüler:
Genau. Ich schaue zuerst: Wo liegen die Einschränkungen?

Sind Gelenke blockiert, kümmere ich mich darum. Ist das myofasziale System eingeschränkt, arbeite ich dort. Und wenn anschließend noch eine neuromuskuläre Problematik vorhanden ist, brauche ich dafür wiederum einen entsprechenden therapeutischen Ansatz.

Ich möchte mich nicht damit zufriedengeben, dass beispielsweise ein Gelenk wieder beweglich ist oder eine myofasziale Struktur freier geworden ist. Diese gewonnene Bewegungsfreiheit muss der Körper anschließend auch nutzen können.

Welche Rolle spielt dabei die Wirbelsäule?

Jens Schüler:
Eine ganz zentrale.

In der Vojta-Therapie sprechen wir vom Axisorgan. Dazu gehört die Wirbelsäule mit dem angrenzenden Kopf und dem Becken als funktionelle Einheit.

Für mich ist das das zentrale Bewegungsorgan. Arme und Beine hängen letztlich daran. Sie können immer nur so gut funktionieren, wie der Rumpf beziehungsweise das Axisorgan funktioniert.

Ich finde schon das deutsche Wort „Wirbelsäule“ spannend. Es ist eigentlich ein Widerspruch in sich: Ein Wirbel ist etwas Bewegliches, hoch Dynamisches. Eine Säule dagegen ist etwas Stabiles und gibt Halt.

Genau so muss man die Wirbelsäule aus meiner Sicht verstehen: Erst wenn sie in jedem Segment frei ‚wirbeln‘ kann, gibt sie uns den nötigen Halt.

Hier sehe ich eine große Schnittmenge zwischen Vojta und Matrix-Rhythmus-Therapie.

Menschlicher Rücken im Sonnenlicht. Wirbelsäule grafisch hervorgehoben

Harmonisch da naturkonform: Vojta und Matrix-Rhythmus-Therapie haben beide die Wirbelsäule im Blick – das zentrale Bewegungsorgan. Sie sind beides nicht nur eine weitere Technik, sondern fußen auf einem grundlegenden Prinzip – bei der Matrix ist das der Zellrhythmus, bei Vojta, dass Bewegungsmuster veranlagt sind.

Woran merken Sie konkret, dass ein Patient nach der Behandlung mit dem Matrixmobil besser für Vojta vorbereitet ist?

Jens Schüler:
Bei der Vojta-Therapie fällt immer wieder auf, dass der Thorax der Patienten starr und unbeweglich ist.

Durch die Vorarbeit mit der Matrix-Rhythmus-Therapie kann ich diese Patienten häufig besser aus dieser Fixierung herausbringen. Der Thorax wird flexibler und die Wirbelsäule – also das Axisorgan – beweglicher.

Dadurch wird oftmals bereits die Einnahme der Ausgangsstellungen für die anschließende Vojta-Therapie erleichtert.

Warum ist das myofasziale System dabei so wichtig?

Jens Schüler:
Die tiefe, autochthone Rückenmuskulatur, die für unsere Haltung eine große Rolle spielt, besitzt einen hohen faszialen Anteil.

Gleichzeitig kann ich diese Muskulatur nicht so gezielt willkürlich ansteuern wie beispielsweise meinen Arm.

Ich kann einem Patienten sagen: „Heb deinen rechten Arm.“ Das kann er bewusst ausführen. Aber wenn ich ihn bitte: „Dreh deinen dritten Brustwirbel ein kleines bisschen nach rechts“, wird es für ihn schwierig.

Genau diese feine segmentale Steuerung ist Teil eines komplexen Systems.

Wenn die umgebenden Strukturen nicht frei beweglich sind, erschwert das die weitere therapeutische Arbeit.

Ich benutze dafür gern ein einfaches Bild: Wenn ich Wasser durch ein verschmutztes Rohr schicken möchte, kann ich versuchen, den Druck immer weiter zu erhöhen. Ich kann es mir aber auch leichter machen und das Rohr vorher reinigen.

So ähnlich sehe ich die Vorbereitung des Gewebes.

Sie sprechen von „Vorbereitung“. Ist Vojta dann der aktive Teil der Behandlung?

Jens Schüler:
Viele Menschen halten Vojta für eine passive Therapie. Für mich ist sie alles andere als passiv.

Der Patient liegt zwar in einer bestimmten Ausgangsstellung und der Therapeut setzt definierte Reize. Aber die Antwort des Organismus ist hochaktiv.

Ich möchte die Bewegungsfreiheit, die ich vorher beispielsweise mit manueller Therapie und Matrix-Rhythmus-Therapie geschaffen habe, nicht nur passiv erhalten. Sie muss neuromuskulär umgesetzt werden.

Ein Beispiel, das ich dafür gerne benutze, ist das Tanzen.

Ich kann nur üben, was ich schon kann. Wenn ich zu jemandem sage: „Tanz Tango“, er aber überhaupt nicht weiß, wie Tango geht, kann er Tango nicht einfach üben.

Zuerst muss das entsprechende Muster zur Verfügung stehen. Anschließend kann ich es im Alltag nutzen und weiter trainieren.

Übertragen bedeutet das für mich: Mit Vojta versuche ich, die neuromuskulären Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Jens Schüler behandelt an der Behandlungsliege mit Vojta.

Jens Schüler arbeitet seit über 20 Jahren mit der Vojta-Therapie.

Können Sie einen typischen Fall aus Ihrer Praxis schildern, bei dem die Kombination besonders deutlich wird?

Jens Schüler:
Ein klassisches Beispiel ist für mich die Behandlung der Schulter.

Die Schulter ist ein vorwiegend muskelgeführtes Gelenk. Bei entsprechenden Problemen können myofasziale Strukturen in ihrer Gleitfähigkeit eingeschränkt sein und Adhäsionen entstehen. Dadurch kann sowohl die Beweglichkeit als auch die Versorgungssituation des Gewebes beeinträchtigt werden.

Mit der Matrix-Rhythmus-Therapie kann ich solche Bereiche aufspüren und die myofaszialen Strukturen gezielt bearbeiten.

Aus meiner therapeutischen Sicht geht es dabei auch darum, die Bedingungen im Gewebe so zu verändern, dass Regenerationsprozesse unterstützt werden können.

Anschließend kommt die Vojta-Therapie ins Spiel. Hier geht es mir um die Koordination des muskulären Zusammenspiels aller an der Schulterbewegung beteiligten Muskeln.

Durch die Aktivierung der angeborenen Bewegungsmuster nach Vojta arbeite ich an der Zentrierung der Gelenke. Der Rumpf muss sich dabei zur Extremität positionieren.

Für mich zeigt gerade die Schulter sehr gut, warum die Kombination sinnvoll sein kann: Auf der einen Seite bearbeite ich die myofaszialen Voraussetzungen, auf der anderen die neuromuskuläre Koordination.

Nach meiner persönlichen Erfahrung kann ich mit dieser Kombination häufig schneller zu Behandlungserfolgen kommen.

Sie sagen bewusst „nach meiner Erfahrung“.

Jens Schüler:
Ja, das ist mir wichtig.

Ich habe dazu keine Studien, mit denen ich sagen könnte: Durch diese Kombination verbessert sich ein Ergebnis um einen bestimmten Prozentsatz.

Ich kann über meine Erfahrungen aus der täglichen therapeutischen Arbeit sprechen. Und ich würde die Matrix-Rhythmus-Therapie nicht mit Vojta kombinieren, wenn ich nicht immer wieder feststellen würde, dass mir diese Vorbereitung die weitere Arbeit erleichtert.

Aber Erfahrung und wissenschaftlicher Nachweis sind zwei unterschiedliche Dinge. Das sollte man auch so benennen.

Was würden Sie einem Physiotherapeuten sagen, der sehr stark in „seiner“ Methode denkt?

Jens Schüler:
Ich würde ihm empfehlen, nach den Schnittmengen zu suchen.

Keine Methode muss alles können.

Für mich geht es darum zu erkennen: Wo liegen die Stärken eines Ansatzes? Welche Voraussetzungen kann ich damit schaffen? Und an welchem Punkt brauche ich einen anderen therapeutischen Zugang?

Das hat meinen eigenen Weg über viele Jahre geprägt.

Vojta ist nach wie vor mein Leitgedanke. Aber ich habe mich immer wieder gefragt: Wie kann ich meine Arbeit sinnvoll ergänzen? Wie kann ich effizienter werden? Und wie kann ich Grenzen verschieben, an die ich bisher therapeutisch gestoßen bin?

Die Matrix-Rhythmus-Therapie hat meine Möglichkeiten dabei enorm erweitert.

Letztendlich steht für mich nicht im Mittelpunkt, welcher Therapierichtung wir uns zugehörig fühlen.

Entscheidend ist, was der einzelne Patient braucht.

Zur Person

Jens Schüler ist Physiotherapeut, Heilpraktiker, Vojta-Lehrtherapeut und Matrix Center. Seine beruflichen Wurzeln liegen in der neurologischen Erwachsenentherapie; acht Jahre arbeitete er in der Neuro-Rehabilitation. Seit 1996 ist er in der Vojta-Lehre tätig und seit 2005 ausgebildeter Vojta-Lehrtherapeut. 2001 übernahm er die Praxis Löffler-Schüler. Nach einer intensiven Beschäftigung mit dem Faszien-System integrierte er die Matrix-Rhythmus-Therapie in sein Behandlungskonzept. Sein heutiges Patientenklientel besteht vorwiegend aus Erwachsenen.