Wer ist Josefa Sommer?
Josefa Sommer ist eine seltene Kombination: Sie kommt aus der Humanphysiotherapie, war jahrelang im Kader der Bundesrepublik Deutschland im Vielseitigkeitssport aktiv – ausgezeichnet mit dem Goldenen Reitabzeichen – und arbeitet seit rund 20 Jahren mit der Matrix-Rhythmus-Therapie. Heute hat sie ihre Humanpraxis aufgegeben und behandelt fast ausschließlich Pferde: Sie reist zu Reitställen in ganz Deutschland und hat ein eigenes Reha-Angebot aufgebaut – für Pferde, die schief, fest oder unrittig geworden sind, und für Besitzer, die nicht mehr wissen, wo sie ansetzen sollen.
Im Interview erklärt sie, warum ein Pferd nie isoliert behandelt werden darf, welche Rolle das Matrixmobil dabei spielt – und warum am Ende nicht nur das Pferd, sondern auch der Reiter gelockert sein muss, damit beide wirklich in Resonanz miteinander schwingen.
Das Interview
Du kommst ursprünglich aus der Humantherapie und dem Spitzensport – wie sieht dein Alltag heute aus, und warum ist genau diese Kombination so wertvoll?
Ich behandle inzwischen fast nur noch Pferde – die Nachfrage ist so stark gewachsen, dass ich meine Humanpraxis aufgegeben habe. Ich fahre zu Reitställen in ganz Deutschland und habe ein Reha-Angebot aufgebaut, bei dem es heute selten um klassische Verletzungen geht. Viel häufiger sind es Pferde, die schief, fest oder unrittig geworden sind – und Besitzer, die nicht mehr wissen, wo sie ansetzen sollen.
Genau deshalb ist die Kombination so entscheidend: Ich kann ein Pferd nicht isoliert behandeln und danach alles beim Alten lassen. Wenn ein Pferd immer wieder verkrampft, weil es beim Reiten nicht im Gleichgewicht ist, behandle ich zwar die Muskulatur – aber die eigentliche Ursache bleibt bestehen, wenn ich nicht auch Reiten, Training und das Bewegungssystem des Pferdes mitdenke. Deshalb schaue ich mir das Pferd immer in Bewegung an, behandle es, überprüfe, was sich verändert hat – und setze mich, wenn es sinnvoll ist, auch selbst in den Sattel, um zu fühlen, wie es sich unter mir bewegt.

Ein Pferd kann uns nicht sagen, wo es wehtut. Aber es zeigt uns sehr genau, wenn sein System nicht mehr im Gleichgewicht ist.
Ein Pferd kann dir nicht sagen, wo es wehtut. Wie kommst du trotzdem auf die Spur des Problems?
Genau das macht die Pferdetherapie so anspruchsvoll. In der Humanphysiotherapie kommt ein Patient oft schon mit einer Diagnose. Beim Pferd bekomme ich eher einen Anruf wie: „Mein Pferd läuft irgendwie nicht richtig.“ Dann heißt es genau hinsehen: Ist das Problem muskulär? Gibt es eine strukturelle Ursache? Hat sich das Pferd durch eine Schonhaltung verspannt? Wie bewegt und wie wird es geritten? Wie reagiert es, wenn ich es mit dem Matrixmobil sanft anschwinge?
Manchmal wird erst nach dem Lösen einer ausgeprägten muskulären Schutzspannung überhaupt sichtbar, dass eine Struktur betroffen sein könnte. Dann ist für mich selbstverständlich der Tierarzt mit im Boot – diese Zusammenarbeit ist schätze ich sehr.
Welche Rolle spielt die Muskulatur – und wo setzt die Matrix-Rhythmus-Therapie an?
Die Muskulatur ist das Antriebsorgan für Bewegung und Flüssigkeitstransport im Körper. Sie bewegt und stabilisiert das Skelett dynamisch. Selbst ein Pferd, das körperlich nicht die idealsten Voraussetzungen mitbringt, kann durch reagible Muskulatur deutlich tragfähiger werden. Entscheidend ist dabei: Muskulatur darf nicht nur „stark“ bei aktiver Kontraktion sein, sie muss im Wechsel auch elastisch in voller Länge reagieren können. Ein Pferd bewegt sich im Grunde wie in einem Federsystem – genau diese Fähigkeit zum Federn und Schwingen müssen wir erhalten oder wiederherstellen. Es ist ein Maß für Gesundheit.

Rhythmische Mikroextension mit dem Matrixmobil alpha synchronizer, im Frequenzbereich des Muskelzitterns im Bereich 8-12 Hz.
Hier hilft die Matrix-Rhythmus-Therapie, die rhythmische Mikroextensionstechnik, im Frequenzbereich des Muskelzitterns im Bereich 8-12 Hz. Damit arbeite ich seit rund 20 Jahren synchronisierend auf die zellulären Prozesse. Ich beginne meine Arbeit am Pferd mit der Mikromobilisation durch das Matrixmobil – das schafft die Voraussetzung, um im gleitenden Übergang in die Makrobewegung mit manualtherapeutischen Verfahren überzugehen. Das Gerät dient der „Lösung“, oft auch von fibromuskulär fixierten Traumen (Schmerzgedächtnis) als Voraussetzung sich wieder propriozeptiv wahrzunehmen zu können und funktionell zu regenerieren. Deshalb gehören für mich Matrix-Rhythmus-Therapie, Physiotherapie, Training und gutes Reiten untrennbar zusammen.
Du warst selbst jahrelang im Vielseitigkeitssport aktiv. Wie hat das deinen Blick auf Prävention geprägt?
Sehr stark. Wer selbst lange auf hohem Niveau geritten ist, entwickelt ein sehr genaues Gefühl dafür, wie sich ein Pferd unter dem Sattel anfühlt – wie sich die Muskulatur vor und nach Belastung verändert. Eines meiner ehemaligen Sportpferde, mit dem ich auch Championate geritten bin, ist heute 24 Jahre alt und war während seiner gesamten Sportkarriere nie verletzt. Physiotherapie und Matrix-Rhythmus-Therapie waren all die Jahre fester Bestandteil seiner Begleitung. Das ist natürlich eine persönliche Erfahrung, kein Beweis – aber sie hat meinen Blick auf Prävention stark geprägt.
Für mich bedeutet Prävention nicht, ein Pferd einfach regelmäßig behandeln zu lassen. Es geht darum, Veränderungen früh wahrzunehmen: „Wo schwingt es nicht mehr durch oder ist es fest?“ Wie fühlt sich die Muskulatur an, wie bewegt sich das Pferd, wie reagiert es auf Hilfen? Und wenn ein Pferd Schwierigkeiten bekommt, frage ich vor allem nach dem warum?
Du sprichst oft von Tragfähigkeit. Was steckt für dich dahinter?
Ich vergleiche das gern mit einer Brücke: Die Beine sind die Pfeiler, der Körper dazwischen muss tragen. Aber „tragen“ heißt für mich nicht einfach „stabilisieren“. Der Körper des Pferdes gewinnt seine Tragfähigkeit über Propriozeption und gezieltes Training – und zwar erst, nachdem die gesamte Muskulatur gelockert ist.
Und das gilt nicht nur für das Pferd. Auch der Reiter muss gelockert sein, um sein Pferd überhaupt bestmöglich wahrnehmen zu können. Fehlt diese Lockerheit in dieser Wechselwirkung, entstehen Rittigkeitsstörungen – bei Pferd und Reiter gleichermaßen. Erst nach diesem psychoneuromuskulären Resett schwingen beide in Resonanz, im Einklang miteinander. Und erst dann sind Pferd und Reiter gemeinsam trainierfähig.

Das Ziel ist nicht, Muskulatur einfach lockerzumachen. Ein Sportpferd braucht beides: Elastizität und Stabilität, um seinen Reiter tragen zu können.
Was möchtest du Reitern und Therapeuten mit auf den Weg geben?
Freude durch mehr Verständnis für das gesamte System Pferd und Reiter. Das psychoneuromuskulare System, Muskulatur, Faszien, Nerven, Training, Reiten, physiotherapeutische Begleitung und – wenn nötig – internistisch / strukturelle tierärztliche Diagnostik gehören für mich untrennbar zusammen. Gerade weil das Pferd nicht sprechen kann, tragen wir eine große Verantwortung: genau hinzuspüren, -zu fühlen und -zusehen und uns fundiert auszubilden.
Meine Mission ist es, deshalb nicht nur Pferde zu behandeln, sondern Wissen weiterzugeben – an Therapeuten und an Reiter. Denn je besser wir verstehen, warum sich ein Pferd auf eine bestimmte Weise bewegt, desto gezielter können wir ihm helfen.






