Was das Kiefergelenk mit dem Reitersitz zu tun hat

Mit gutem Biss zum losgelassenen Sitz

ein Artikel für Reiterinnen und Reiter
von Dr. Kristina Gerber

Dr. Kristina Gerber, Zahnärztin, Tierheilpraktikerin

Ein losgelassener, ausbalancierter Reitersitz – das ist die Harmonie, die wir beim Reiten anstreben. Locker und harmonisch eingehen in die Pferdebewegung, damit wir dann im Anschluss fein einwirken können. So sollte es sein. Doch das Mitschwingen mit dem Becken fällt vielen Reitern schwer – dafür gibt es vielfältige Gründe.

Viel zu selten wird dabei auch an Kiefergelenksproblematiken und Zahnfehlstellungen als mitauslösende Ursache gedacht.

Das Kiefergelenk kann unsere gesamte Körperbalance beeinflussen

Unser Kiefergelenk ist in seiner Bewegung vielfältig mit der gesamten Körpermuskulatur verflochten. Verspannungen in der Kaumuskulatur wirken sich immer auch auf andere Körperbereiche aus.

Hierzu können Sie einen ganz einfachen Selbsttest machen: Beißen Sie doch einmal die Zähne fest aufeinander und sie werden merken, dass dann auch die Hals- und Nackenmuskulatur fest wird. Nebenbei bemerken Sie vielleicht folgendes: Können Sie sich auch bei fest zusammengebissenen Zähnen schlechter nach links und rechts drehen?

All das kann sich bis zum Becken weiter herunterziehen – insgesamt sogar bis in unsere Füße, somit unsere gesamte Haltung und Körperbalance beeinflussen. So können zum Beispiel verschieden lange Beine rein muskulär bedingt sein und ursächlich aus einer Kieferproblematik herrühren.

Folge dieser Verspannungen ev. sogar Blockaden kann sein, dass wir uns beim Reiten von Wendungen nicht harmonisch mitdrehen können und so unser Pferd irritieren.

Auslöser von Verspannungen im Kiefergelenk

Viele Menschen knirschen mit den Zähnen oder pressen diese aufeinander. Meist passiert dieser Stressabbau nachts, doch auch bei Anspannung/Stress tagsüber, hoher Konzentration oder sportlicher Anstrengung. Oft bemerken wir dieses gar nicht mehr.

Zusätzlich können falsche Bisslagen oder auch Schiefen in unserem Biss dazu führen, dass diese Schiefen an unser Becken, und somit die Kommunikationszentrale mit unserem Pferd weitergeleitet werden. Beispielsweise durch eine nicht sachgerecht erfolgte Kieferorthopädie im Jugendalter, oder fehlende Zähne, doch auch nicht gut sitzende Kronen oder Brücken und vieles mehr können die Auslöser sein.

Folge unserer Verspannungen und Blockaden kann sein, dass wir uns beim Reiten von Wendungen nicht harmonisch mitdrehen können und so unser Pferd irritieren.

Sehr häufig kommt auch der zu tiefe Biss vor, d.h. dass die Oberkieferzähne zu weit über die Unterkieferzähne beißen. Bei einer solchen Bisslage wird der Kopf unwillkürlich vorverlagert, damit wir auf unseren Zähnen Kontakt finden können, somit führt das wiederum zu einer dauerverspannten Hals-Nackenmuskulatur. Bei jedem normalen Schlucken beißen wir die Zähne zusammen – wenn der Biss nicht stimmt, zieht es uns bei jedem Schlucken die Muskulatur schief und in die Verspannung.

Symptome bei Kiefergelenksproblematiken

Neben einer schlechteren Kommunikation mit unserem Pferd über unser Becken merken wir Kiefergelenk-Problematiken auch an uns selbst oft als Kopfschmerzen, Nackenverspannungen und einer eingeschränkteren Beweglichkeit.

Aber auch ganz andere Symptome wie Ohrgeräusche (Tinnitus), Augenflimmern, Heiserkeit, Schmerzen und Taubheitsgefühle in den Armen, Schmerzen in der Lendenwirbelsäule, den Knien oder Füssen können ihre Ursache in den Kiefergelenksproblemen haben.

Man spricht auch von der Craniomandibulären Dysfunktion (Cranium=Schädel, mandibulär- vom Kiefer ausgehend, Dysfunktion = Fehlfunktion). Entscheidend sind dabei die Fehlfunktionen und Verspannungen der mit der Kiefergelenksproblematik verbundenen Muskulatur.

Was können wir nun tun?

Spezielle Aufbissschienen können uns wieder in eine gesunde Körperbalance bringen.

Vielen helfen sie auch unabhängig vom Reiten, nachts besser zu entspannen, zu einem erholsameren Schlaf zu finden und morgens mit entspannterer Muskulatur aufzuwachen. Beim Reiten getragen, verbessern sie dann auch unsere Beweglichkeit, das Mitschwingen und die Kommunikation über das Becken mit unserem Pferd.

Wichtig ist zu wissen: Schiene ist nicht gleich Schiene!

Biognathor nach Dr. von Treuenfels

Viele kennen vielleicht die normalen sogenannten Knirscherschienen. Sie können helfen, wenn nicht zu viele Fehlstellungen in Höhe/Lage des Kiefers oder Schiefen vorliegen. Wenn reine Stressanspannung und Stressverarbeitung die Hauptursache sind, so kann auch eine solche einfache Schiene die Kräfte beim Knirschen/Pressen besser verteilen helfen und die Kiefergelenke entlasten.

Meist haben wir es aber mit Schiefen und Fehlstellungen zu tun.

Dann braucht es die Zusammenarbeit eines gut ausgebildeten Physiotherapeuten/Osteopathen mit einem ganzheitlich arbeitenden Zahnarzt. Die Kenntnisse über Kiefergelenk und seine Zusammenhänge sind nur bei entsprechend weitergebildeten Zahnärzten und Physiotherapeuten/Osteopathen gegeben und gehören leider nicht zur „normalen“ Ausbildung.

(über www.iccmo.de findet man z.B. Zahnärzte, die speziellere Kenntnisse in der Kiefergelenksbehandlung/CMD -Behandlung haben)

Das Zusammenspiel Muskulatur und Kiefergelenk

Der Physiotherapeut/Osteopath kann analysieren, ob die Probleme ursprünglich vom Kiefer ausgehen und in andere Regionen ausstrahlen (sog. absteigende Muskelketten) oder aber auch vielleicht Kiefergelenksprobleme, die wir selbst schon gespürt haben aus ganz anderen Regionen kommen (sog. aufsteigende Muskelketten).

Gehen die Probleme vom Kiefer aus, so kann gemeinsam mit dem Physiotherapeuten/Osteopathen und dem Zahnarzt der Biss für die Schiene so eingestellt/vermessen werden, dass die Körperstatik wieder ins Lot kommen kann. Schiefen werden ausgeglichen – die Muskulatur kann sich wieder besser entspannen und unsere Beweglichkeit und Leistungsfähigkeit verbessert sich. Diese speziellen Schienen heißen auch myozentrische/myofunktionelle (myo von Muskel) Schienen.

Matrix-Rhythmus-Therapie und Schienenbehandlung

Im Rahmen der Schienenbehandlung/Einstellung der Bisslage arbeiten wir zusätzlich zur physiotherapeutischen, osteopathischen Behandlung mit der Matrix-Rhythmus-Therapie.

Mit dem Matrixmobil behandeln wir auch den Halsbereich sowie die Kaumuskulatur

Neben der Arbeit im Nacken- und Rückenbereich spielt natürlich hier auch die Therapie der Kaumuskulatur eine zentrale Rolle, die Verspannungen hier zu lösen und die Stoffwechselprozesse zu normalisieren.

Eine ganz besondere Form einer Muskelfunktionsschiene – langlebig und oft nachhaltig wirksamer noch als die myozentrische Schiene ist der „Biognathor“ (nach Dr. von Treuenfels).

Während eine myozentrische Schiene fest auf die Zähne aufgesetzt wird, liegt der Biognathor wie eine Art Turngerät lose im Mund. Folglich kommt man bei jedem Schlucken ein wenig anders auf das Gerät. So wird unser Loslass-Reflex aktiviert – ähnlich als wenn man auf einen Kirschkern oder ähnliches beißt. Dieses geschieht im Unterbewusstsein, sodass beständig diese Art Schiene zu mehr Loslass- Effekten führt als eine myozentrische Schiene. Zusätzlich wird über das spielerische Bewegen des Biognathors im Mund die Muskulatur umtrainiert und entspannt. Kleine Seitenflügel, die eine myozentrische Schiene nicht hat, verhindern das seitliche Abgleiten beim Knirschen, das oft für die wesentlichen Verspannungen verantwortlich ist.

Vielleicht finden ja auch Sie über ein entspannteres Kiefergelenk zu einem harmonischeren, mitschwingenden Sitz. Die Pferde werden sich darüber freuen.

Kontaktadresse :

Dr. Kristina Gerber
(Zahnärztin/Tierheilpraktikerin)
Privatpraxis in den Räumen des
Ausbildungs-und Therapiezentrums Gut Hanum
Hanum 13
38489 Jübar
Tel: 0171/3595338
www.biognathor-hanum.de